Victor Feiler, März 1997


Qualitätssicherung nach dem Benchmarking-Verfahren:
Grundlage und Philosophie

Victor Feiler zeigt einen Weg der Selbstevaluation auf, der seines Erachtens dem Bereich "Bildung" bzw. der speziellen Schwierigkeit einer Qualitätsdefinition in diesem Bereich in geeigneterer Weise Rechnung trägt, als dies mit Instrumenten der "ISO-Norm" gegeben wäre. Das "Benchmarking-Verfahren" knüpft an Methoden der Selbstevaluation an, einer Form der "Stärken-Schwächen-Analyse" unter der Perspektive einer "konstruktiven Konkurrenz" bzw. einer Orientierung am "Besseren".

Eine Antwort auf die Schwächen der ISO-Zertifizierung als Beitrag zur Qualitätssicherung stellt das Benchmarking-Verfahren dar, welches an die Methoden der Selbstevaluation anknüpft Es trägt der Tatsache Rechnung, daß "Qualität" im Bildungsbereich nicht eindeutig festlegbar ist und diese sich nur im Vergleich und als Vergleich mit anderen herstellen und messen läßt.
Grundgedanke dabei ist, sich am anderen, "besseren" zu orientieren und von ihm zu lernen. Durch Benchmarking können die Schwächen und Stärken der eigenen Einrichtung im Vergleich mit anderen herausgearbeitet werden.

Die Qualitätssicherung durch Vergleich wird mit Hilfe relationaler Datenbanken möglich. Dabei werden in Datenbanken betriebswirtschaftliche, personalwirtschaftliche und inhaltlichkonzeptionelle Informationen gesammelt, datentechnisch aufbereitet und ausgewertet.
Die an diesem Verfahren beteiligten Bildungseinrichtungen erhalten hierfür von einer zentralen Stelle Checklisten und Meßinstrumente, die eine Selbstuntersuchung ermöglicht. Dabei besteht das Instrumentarium der Datenbank aus mehreren Paketen (Organisationscheck, Mitarbeiterbefragung und Kundenbefragung) mit eigens erstellten Items. Die von der Einrichtung angegebenen Daten werden an den Datenbankbetreiber eingeschickt und dort anonymisiert. Die Einrichtung erhält dann ein schriftliches Profil, das die Einichtung anonym mit anderen am Verfahren beteiligten Einrichtungen nach deren Erkenntnisinteresse zu ausgewählten Dimensionen vergleicht und beschreibt. Daraus lassen sich Rückschlüsse über die eigene Position im Konzert mit anderen ziehen, und sie können somit als Grundlage für weitere Entscheidungen darüber, was man von anderen als positive Elemente zu übernehmen beabsichtigt, herangezogen werden. Eine präzise Stärken und Schwächenanalyse ist also aufgrund von Daten und Fakten möglich, die einen kontinuierlichen Verbesserungsprozeß auslösen.
Dabei garantiert das Verfahren Anonymität, ist aber für alle Interessierten zugänglich und transparent.

Was kann man sich von diesem Verfahren versprechen?
Wer gehört nicht gerne nachprüfbar zu den Besten seiner Branche, wer möchte sich schon den Makel anhaften lassen, daß andere die Arbeit besser machen als man selbst? Der Anreiz, sich am Besseren zu orientieren, setzt einen permanenten Prozeß der Überprüfung der eigenen Aktivitäten ("Wo stehen wir im Vergleich mit anderen") in Gang.
Überprüft man bei der nächsten Abfrage seinen Vergleich mit anderen und stellt fest, daß man in der Hierarchie nach oben geklettert ist, so wird das Prinzip "Verbessern durch Belohnen" eingelöst.

Weiterhin können die sich (permanent) ändernden Rahmenbedingungen eines Bildungsträgers (Außenwelt) und ihre Rückwirkungen auf den Bildungsträger quantitativ und qualitativ erfasst und bei der weiteren Planung berücksichtigt werden. Die Bildungseinrichtung setzt somit das Prinzip des "long life learnings" um.
Die Kundenbefragung liefert aufschlußreiche Ergebnisse für eine an den Bedürfnissen des Marktes orientierte Programmplanung. Daß man sich dabei gerne am Besseren orientiert, indem man z. B. innovative Ideen für die eigene Arbeit aufgreift und umzusetzen versucht, setzt zusätzliche Motivation zur Reflektion der eigenen Arbeit frei. Das Prinzip des permanenten Lernens durch Orientierung am Besseren oder Besten kann so tatsächlich umgesetzt werden.

Was bedeutet das für ein Bildungswerk?
Dieses Verfahren setzt aufgrund seiner dynamischen Elemente (durch den Anreiz zu sehen, was der "Beste" besser macht) die Bereitschaft voraus, über die Mauern der eigenen Einrichtung hinauszublicken, die Umwelt also bewußt wahrzunehmen.
Der Selbstanspruch einer Bildungseinrichtung wird keinen der Verantwortlichen auf die Idee kommen lassen, ständig nur im "eigenen Saft schmoren zu wollen" oder gar so vermessen sein, zu behaupten, daß man sowieso der Beste ist und das auf allen Gebieten und zu jeder Zeit. Das setzt aber voraus, daß man tatsächlich weiß, wo man steht.
Für ein Bildungswerk bedeutet dies, selbstkritisch an der ständigen Verbesserung der eigenen Arbeit interessiert zu sein.
Dabei signalisiert man gegenüber den relevanten Institutionen und Personen eines Bildungswerkes: "Wir wollen ständig besser werden und sind daher auf der ständigen Suche nach Fehlern und Schwächen."

Können andere davon lernen?
Das mit diesem Verfahren ausgelöste Hinüberschielen auf den jeweiligen Klassenprimas löst einen ständigen Lernprozeß in der eigenen Einrichtung aus. Innovative Ideen anderer können aufgegriffen, damit neue Perspektiven für die eigene Einrichtung geschaffen und vor allem Veränderungen bei sich selbst und bei anderen aufgezeigt werden.

Auszug aus: Victor Feiler: Qualitätssicherung nach dem Benchmarking-Verfahren. In: Erwachsenenbildung 2/97, 43. Jg.


Victor Feiler: Qualitätssicherung nach dem Benchmarking-Verfahren – Grundlage und Philosophie. Online im Internet – URL: http://www.die-frankfurt.de/esprid/qualitaet/q-sicherung.htm
Dokument aus dem Internet-Service des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung e. V. – http://www.die-frankfurt.de/esprid