Klaus
Meisel, Felicitas von Küchler
August 1998
Qualitätsentwicklung in der Weiterbildung - Zwischenbilanz eines Projektes am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung
Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung führt seit 1997 ein Projekt "Qualitätssicherung in der Weiterbildung" durch. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie und den Ländern Hamburg, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Schleswig-Holstein gefördert. An mittlerweile zehn unterschiedlichen Weiterbildungseinrichtungen werden die dort vorhandenen Qualitätsstrategien und -verfahren bilanziert und in Arbeitsvorhaben weiterentwickelt, die jeweils im Hinblick auf die besonderen Bedingungen und Bedürfnissen der jeweiligen Einrichtung konzipiert wurden.
Diversifizierung
Sowohl der Blick in die Praxis als auch der Blick über das zwischenzeitlich reichliche Literaturangebot zum Thema Qualitätsmanagement in der Weiterbildung zeigen, daß mittlerweile auch in der Weiterbildung die ganze Bandbreite der Qualitätsmanagementsansätze zum Einsatz kommt:
- die ISO-Zertifizierung (in erster Linie, aber nicht ausschließlich bei Einrichtungen, die sich auf die betriebsnahe berufliche Weiterbildung konzentrieren),
- das Europäische Modell für ein umfassendes Qualitätsmanagment (EFQM), orientiert am Grundgedanken des Total Qualitiy Managements und in Nordrhein-Westfalen im Rahmen eines Modellprojektes in der beruflichen Weiterbildung gezielt umgesetzt, (vgl. J. Offermann, K. H. Pohl: Qualitätsmanagement in der beruflichen Weiterbildung durch Maßnahmen der Organisationsentwicklung, in: Grundlagen der Weiterbildung, 8/1997, S. 211 ff.),
die trägerübergreifend organisierte Selbstkontrolle im Verbund wie etwa im Falle des Vereins "Weiterbildung Hamburg" (vgl. T. Krüger: Öffentlich gestützte Selbstkontrolle - das Gütesiegel in Hamburg, in: GEW (Hrsg.): Qualitätssicherung in der Weiterbildung - Literaturrecherche und Texte, Frankfurt/M. 1996), die Qualitätssicherung nach dem Benchmarking-Verfahren (vgl. V. Feiler: Qualitätssicherung nach dem Benchmarking-Verfahren, in: Erwachsenenbildung, 2/1997, S. 81 ff,). Ansätze zur Selbstevaluation als Voraussetzung zur Qualitätsentwicklung (vgl. Landesverband der Volkshochschulen Niedersachsens e.V.: Qualitätssicherung in der Volkshochschule - Fragenkatalog zur Selbstevaluation, Hannover 1997)
Koordination
Im Unterschied zu anderen Modellversuchen versucht das DIE-Projekt nicht, den beteiligten Einrichtungen ein favorisiertes Qualitätssicherungskonzept "überzustülpen". In einem dialogischen Prozeß zwischen den Einrichtungen und der Projektstelle wurden und werden vielmehr die einzelnen Vorhaben diskutiert, entwickelt und begleitet. Die Einrichtungen werden durch BeraterInnen des DIE bei der praktischen Umsetzung ihrer Qualitätsvorhaben unterstützt.
An den Projektarbeiten sind eine ganze Reihe von unterschiedlichen Weiterbildungsorganisationen beteiligt. Folgende Entwicklungsvorhaben führen die Kooperationspartner durch:
- Entwicklung, Durchführung und Erprobung einer Qualifizierungsreihe für ehrenamtliche KursleiterInnen (Ländliche Erwachsenenbildung Sachsen-Anhalt)
- Überprüfung und ggf. Neuorganisation der MitarbeiterInnenfortbildung für die Qualitätsentwicklung in den örtlichen Einrichtungen (Evangelische Erwachsenenbildung Niedersachsens)
- Entwicklung und Erprobung übertragbarer Instrumente und Verfahren zur Sicherung bedarfs- und bedürfnisgerechter Weiterbildungsangebote mit Schwerpunkt auf der intensiven Begleitung der Lehr- und Lernprozesse (VHS Brunsbüttel)
- Erarbeitung eines qualitätssichernden Kriterienkatalogs für die Organisation und Durchführung von Seminaren, Einbeziehung nebenberuflicher MitarbeiterInnen in den Prozeß der Qualitätssicherung (Arbeit und Leben Thüringen)
- Grundsystem Qualitätssicherung für einen ausgewählten Programmbereich in der Weiterbildung des Sports (Bildungswerk im Landessportbund Rheinland-Pfalz)
- Verbesserung der Organisationsqualität als Voraussetzung für die gezielte Entwicklung von internen Qualitätsstandards (Arbeit und Leben Rheinland-Pfalz)
- Qualitätszirkel als Instrument der Selbstevaluation (Katholische Erwachsenenbildung Niedersachsen)
- MitarbeiterInnen-, TeilnehmerInnen- und KursleiterInnenbefragung als Voraussetzung für die gezielte Erhöhung der Service- und Organisationsqualität (Bildungszentrum Nürnberg)
- Evaluation der Wirkungen des Vereins für Weiterbildung für die Qualitätsentwicklung in der VHS Hamburg (VHS Hamburg)
- Qualitätsentwicklung im Maßnahmebereich: Von Qualitätsansprüchen zur Umsetzung (KVHS Mecklenburg-Strelitz)
Die Qualitätspolitik in der Weiterbildungspolitik ist uneinheitlich
Einerseits hat man die ordnungspolitische Brisanz einer möglichen Privatisierung der Qualitätssicherung im Verlaufe der Diskussion um die ISO-Norm in der Weiterbildung erkannt, andererseits zeichnet sich in der föderal strukturierten Weiterbildungspolitik bislang keine einheitliche Qualitätspolitik ab. Zwar gibt es in den Weiterbildungsgesetzen und den dazugehörigen Durchführungsbestimmungen der Bundesländer zahlreiche Gemeinsamkeiten bei den einrichtungs- und veranstaltungsbezogenen Förderungskriterien, jedoch zeigen sich in verschiedenen Ländern unterschiedliche Zukunftsvorstellungen bei der Qualitätsförderung.
In Sachsen wurde beispielsweise im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums für Wirtschaft und Arbeit ein Testsystem entwickelt, mit dem ausgewählte Weiterbildungseinrichtungen nach festgelegten Kriterienkatalogen überprüft werden (vgl.: Institut für Entwicklungsplanung und Strukturentwicklung: Qualität in der beruflichen Bildung - ein sächsisches Markenzeichen, Hannover 1997). Der Prüfbericht wird, um interne Entwicklungen anzustoßen, auch mit der Einrichtung diskutiert.
Im relativ jungen Weiterbildungsgesetz von Mecklenburg-Vorpommern wird der Teilnehmerschutz als Norm explizit erwähnt. In der Novellierung des Weiterbildungsgesetzes des Landes Niedersachsen wurde als ein besonderer Akzent der Qualitätsförderung der Ausbau der Supportstrukturen festgelegt. Aktuellerweise wird im Land Bremen im Rahmen eines Projekts untersucht, inwieweit die Überprüfung der Qualitätsmanagementsysteme der Einrichtungen als Voraussetzung für die Anerkennung durch das Land gelten soll. (vgl.: Bötel,C.; Gnahs,D.; Merx,K.: Begleitung und Implementierung von Qualitätsmanagementsystemen bei Weiterbildungseinrichtungen im Lande Bremen, Hannover 1998).
Der zuständige Ausschuß für Fort- und Weiterbildung der Kultusministerkonferenz hat der Eigendynamik, die die Debatte um die ISO-Norm vor wenigen Jahren auslöste, den Wind aus den Segeln genommen, in dem er feststellte, daß die "Besiegelung" weder seitens der Bundesanstalt für Arbeit noch von den Bundesländern als Voraussetzung für die Förderung der Institutionen oder von Maßnahmen angesehen werde. Ein tendenziell gemeinsamer Nenner für die Qualitätspolitik kann darin liegen, zu überprüfen, in welcher Form sich aus den unterschiedlichen Qualitätskonzepten gemeinsame Schnittmengen herauskristallisieren lassen bzw. wie sich vorhandene Konzepte miteinander verbinden lassen. Der Ausschuß für Fort- und Weiterbildung der KMK hat deshalb die Fragestellung entwickelt, inwieweit sich aus allgemein akzeptierten Standards und prozeßorientierten Qualitätsmanagementansätzen eine Orientierungslinie ergeben kann (vgl. P. Krug: Weiterbildungspolitische Aspekte in der Qualitätsdiskussion, in: U. Bade-Becker, R. Gerhard: Qualitätsmanagement in der wissenschaftlichen Weiterbildung, Stuttgart 1995).
Seitens der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft wird über Ansätze der marktbezogenen Zertifizierung hinaus gefordert, "die Qualitätskontrolle für die Weiterbildung institutionell öffentlich-rechtlich zu regeln" (vgl. GEW-Hauptvorstand: Kriterien für Weiterbildungsgesetze, Frankfurt/M., März 1998). Fachinstitute schätzen wiederum die Situation so ein, daß der Staat finanziell auf absehbare Zeit finanziell nicht in der Lage sein wird, eine eigene Qualitätskontrolle für die Weiterbildung zu installieren (vgl. Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung: Vergleichende Analyse von Qualitätskonzepten in der Weiterbildung, in: Nr. 164 der Materialien des Instituts für Entwicklungsplanung und Strukturforschung, Hannover 1998).
Einrichtungs- und trägerübergreifende Gemeinsamkeiten der beteiligten Qualitätsentwicklungsprojekte
Die Kooperationseinrichtungen des DIE-Projekts orientieren sich allesamt nicht ausschließlich an einem einzigen Managementansatz. Dies ist sicherlich einerseits eine Konsequenz aus der Vorgehensweise des Projektes, keine spezifische Konzeption bei den beteiligten Organisationen zu implementieren, sondern in einer dialogischen Zusammenarbeit die Konzeptentwicklung vor Ort zu unterstützen und im Hinblick auf Transferpotential auszuwerten. Auf der anderen Seite ist dies auch ein Indiz für ein Bedürfnis der Einrichtungen, pragmatische und an die bisherige Praxis angepaßte Entwicklungen vorzunehmen.
Übergreifend lassen sich folgende Trends feststellen:
- Qualitätsentwicklung wird in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Organisationsentwicklung gesehen. Dies zeigt sich sowohl an den typischen Arbeitsschritten (Bestandsaufnahme, Definition des Veränderungsbedarfs, Prioritätensetzung, Konzeptentwicklung und Umsetzung unter Berücksichtigung der Gesamteinrichtung, Evaluation) als auch bei der Gestaltung der Prozesse, die sich an den Grundprinzipien der Organisationsentwicklung (wie z.B. dem der Partizipation) orientieren.
- Qualitätsentwicklung wird prozeßorientiert, dabei sowohl bereichs und- funktionsübergreifend als auch bereichsbezogen begriffen. Sie zielt auf eine stärkere Teilnehmer- und Kundenorientierung, eine verbesserte Kommunikation mit der internen (Kursleiter/innen) und externen Öffentlichkeit und versucht möglichst alle betroffenen Organisationsmitglieder miteinzubeziehen. Sie wird von dem leitenden Personal als ein Leitungskonzept begriffen.
- Qualitätsentwicklung berücksichtigt die unterschiedlichen Dimensionen von Bildungsqualität. So wird beispielsweise Teilnehmer/innenzufriedenheit nicht als ein ausschließliches Kriterium für Bildungsqualität begriffen.
- Qualitätsentwicklung konzentriert sich auf die Schlüsselsituationen des erwachsenenpädagogischen Handelns : Bedarfsforschung, die umfassenden Sicherung von Angebotsqualität, die Qualifizierung des Supportssystems wie z.B. der Kursleiterfortbildung , die Evaluation der Ergebnisqualität als Voraussetzung verbesserter Planungsqualität, die Entwicklung einer Organisationsqualität als Voraussetzung einer verbesserten Programmqualität stehen im Vordergrund.
- Qualitätsentwicklung nutzt gegenstandsangemessen Methoden wie die Qualitätszirkel. Selbstevaluative Verfahren werden ergänzt durch einen Einbezug von "Außensichten".
Zielkonflikte der Einrichtungen
Die Weiterbildungsträger und deren Organisationen haben erkannt, daß sich die Rahmenbedingungen unter denen Erwachsenen- und Weiterbildung stattfindet, entscheidend verändert haben. Das gesamte Weiterbildungssystem strukturiert sich zunehmend marktmäßig und Qualitätssicherung wird auch zu einer gewichtigen Betriebsstrategie, den eigenen Stellenwert zu erhalten und zu verteidigen oder auch in andere Marktsegmente vorzudringen (vgl. P. Faulstich: Diffussionstendenzen und Kooperationsstrategien zwischen Unternehmen und Erwachsenenbildungsträgern, in: H. Geißler (Hrsg.): Weiterbildungsmarketing Neuwied, Kriftel, Berlin 1997, S. 141 ff.). Dabei befinden sich eine ganze Reihe - auch der am DIE-Projekt beteiligten Einrichtungen in einem entscheidenden Spannungsfeld. Viele Einrichtungen haben aktuellerweise aufgrund von zurückgehender öffentlicher Förderung oder auch Sparmaßnahmen im Trägerbereich mit nicht unerheblichen wirtschaftlichen Problemen zu tun. Diese ziehen in nicht wenigen Fällen die Notwendigkeit zu folgenreichen Restrukturierungsmaßnahmen nach sich. Die weiterhin notwendige Qualitätsentwicklung wird z.T. von Leitenden und Mitarbeitenden als ein Begleitprozeß von Rationalisierungsmaßnahmen begriffen. Qualitätsentwicklung ist dann nicht mehr ein positiver auf die Zukunft bezogener Enwicklungsprozeß, sondern steht unter dem Vorzeichen von befürchtetem Abbau von Angebot und Personal. Unter diesen Bedingungen müssen Mitarbeitende motiviert werden: "Wie können wir unter schlechter werdenden Bedingungen immer noch Qualitätsentwicklung betreiben?"
Entwicklung der Bildungsqualität in den Einrichtungen sichert keine Systemqualität
Trotz der z.T. schwierigen Bedingungen, unter denen die am DIE-Projekt beteiligten Einrichtungen Qualitätsentwicklung betreiben, zeichnet sich bereits jetzt ab, daß die eingeschlagenen Wege eine Reflexion der jeweiligen Bildungsqualität und eine Verortung von Schwachpunkten ermöglichten. Es werden eine ganze Reihe von transferierbaren und anregenden praxisorientierten Verfahren und Instrumenten entwickelt und dokumentiert. Daraus ergeben sich über die Einzeleinrichtung hinaus Ergebnisse, die von anderen aufgegriffen und adaptiert werden können. Gleichwohl bleibt eher unberücksichtigt die Frage der Systemqualität, d.h. die Leistungs- und Versorgungsfähigkeit des Weiterbildungssystems bezogen auf einen abgrenzbaren Raum: Jede professionell geleitete Einrichtung kann in vielfacher Hinsicht Qualitätsentwicklung betreiben und damit ihren Teilnehmenden eine verbesserte Bildungsqualität bieten. Ein partizipatorisch angelegter Prozeß der Qualitätsentwicklung wird auch der Arbeitszufriedenheit der Mitarbeitenden förderlich sein. Auch Effizienz und Effektivität der Organisation lassen sich damit in vielen Fällen sicherlich verbessern. Die Systemqualität ist aber für die Weiterbildungspolitik z.B. im Hinblick auf
- die erwünschte und erreichte Weiterbildungsdichte und -intensität,
- die Pluralität des Angebots,
- ein Angebot, das nicht in erster Linie dem Kriterium der schnellen Marktfähigkeit entsprechen will,
- die Supportstrukturen für die Weiterbildung,
mindestens von gleicher Bedeutung wie die Frage nach der Qualitätssicherung und -entwicklung der einzelnen Einrichtung. "Je mehr Weiterbildung zum Diskurs der Geschlechter beiträgt und gesellschaftliche Herrschaft abbaut, je mehr Weiterbildung Generationen zusammenbringt und deren Interessen und Erfahrungen vermittelt, je mehr Weiterbildung Begegnungen zwischen den Kulturen stiftet und ein Verständnis des Andersseins schafft, desto eher erfüllt sie eine gesellschaftliche Funktion, desto eher hat sie gesellschaftliche Qualität." (R. Süssmuth: Qualität in der Weiterbildung - eine Anforderung, in: DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung, Heft 4/1993)
Klaus Meisel,
Felicitas
von Küchler: Qualitätssicherung in der Weiterbildung Zwischenbilanz eines
Projektes am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung. Online im Internet URL: http://www.die-frankfurt.de/esprid/qualitaet/qualitaetsentwicklung.htm
Dokument aus dem Internet-Service des Deutschen Instituts für
Erwachsenenbildung e. V. http://www.die-frankfurt.de/esprid