Mit den Veränderungen unserer Lebens- und Arbeitswelt hat sich der
Begriff der Grundqualifikation verschoben: er beinhaltet nicht mehr nur eine bestimmte
Ansammlung von Fertigkeiten, sondern vor allem dynamische und flexible Fähigkeiten. Damit
verliert er seine formal bestimmte Übersichtlichkeit, nicht mehr das Haben bestimmter
Fertigkeiten ist ausschlaggebend, sondern das Handeln, Umgehen mit diesen Fertigkeiten.
Die Dynamisierung des Konzepts und die Betonung der individuellen Anteile
(Eigenaktivität, persönliche Fähigkeiten) bringt den Begriff der Grundqualifikation
sehr viel deutlicher in ein gesamtgesellschaftliches Spannungsfeld, als dies beim
hergebrachten Begriff der Fall ist. Als Spannungspole stehen sich unterschiedliche
gesellschaftliche Gruppen (solche der Wirtschaft und des Staates) mit ihren jeweiligen
Sichtweisen und Ansprüchen und die Individuen gegenüber, die Wünsche, Bedürfnisse,
Forderungen an die gesellschaftlichen Gruppen herantragen. Grundqualifikation wird damit
zu einem deutlich relationalen Begriff: er bestimmt sich aus einer Perspektive und in
Bezug auf Ansprüche. Seine Definition ist daher abhängig von der gewählten Perspektive
und vom gewählten Bezug. Die normative Verbindlichkeit des hergebrachten Begriffs ist
durch eine Vielfalt ersetzt. Hinzu kommt, daß durch die erwähnte Dynamisierung der
Begriff nicht mehr als vollständiger bestimmbar ist, sondern gerade wegen der
aufgenommenen Flexibilität offen ist und bleiben muß. Die Projektfachgruppe
"Konzeption Grundqualifikationen" des DIE-Netzwerkes möchte der Offenheit des
Begriffs Rechnung tragen, zugleich die Vielfalt der Perspektiven bestimmen, um klare
Handlungsmöglichkeiten im gesamtgesellschaftlichen Spannungsfeld formulieren zu können.
Veränderte Lernkultur
Angesichts der gesamtgesellschaftlichen Veränderungen steigen die
Qualifikationsanforderungen in allen Bereichen. Die Vermittlung von Grundqualifikationen
stellt das lehrende und ausbildende Personal in der allgemeinen und beruflichen Bildung
vor Herausforderungen. Es werden sowohl dem Personal als auch den TeilnehmerInnen,
Auszubildenden und SchülerInnen veränderte neue Kompetenzen abgefordert. Die
gesellschaftlichen Umbrüche wirken sich auch auf Lernen und Lernprozesse aus; es geht um
die Entwicklung einer neuen Lernkultur. Im Rahmen des Netzwerkprojekts hat Fortbildung
einen hohen Stellenwert, da die Qualifizierung des Personals Voraussetzung für Qualität
ist. Es werden Seminare zu dem Thema "Problems are our friends - gemeinsam
Lernprozesse initiieren" durchgeführt. Um erfolgreiches Lernen zu ermöglichen, gilt
es, Faktoren aufzuspüren bzw. zu entdecken, die diese Prozesse stören und erschweren.
Dabei kommt es u.a. zunehmend auf folgende Fähigkeiten an: sich einlassen, Ungewißheit
zulassen, Reflexion fördern und Fehler als Lernanlässe akzeptieren Umwege führen
zu neuen Zielen. Die Fortbildungsseminare werden nach dem DIE-Konzept der forschenden
Fortbildung in einer Projektfachgruppe evaluiert. Von Interesse ist die Übertragbarkeit
auf das berufliche Alltagshandeln; eine Fortbildungskonzeption wird entwickelt.
Zukunftsentwürfe für Grundqualifikationen
ExpertInnen treffen sich
Im Rahmen des DIE-Projektes "Netzwerk
Grundqualifikationen" findet im November eine Veranstaltung statt, zu der ExpertInnen
aus verschiedenen Bereichen der Wissenschaft, der Praxis, der Bildungsadministration, der
Wirtschaft und der Gewerkschaft eingeladen sind. Angelehnt an die Methode der
Zukunftswerkstatt soll zunächst ein gemeinsamer Rückblick auf 20 Jahre Alphabetisierung
und eine Bilanz der derzeitigen Situation im Bereich Grundbildung erfolgen. Zu
ausgewählten Fragestellungen und Problemen, die uns heute beschäftigen, sollen dann
Visionen und phantasievolle Lösungsansätze entwickelt werden, die schließlich im
dritten Schritt einer Realisierungsprüfung unterzogen werden. Angestrebt werden
möglichst konkrete Perspektiven und Umsetzungsideen sowie Kooperationsvereinbarungen.
Hierzu soll in besonderer Weise das theoretische und praktische ExpertInnenwissen der
Teilnehmenden bezüglich der Inhalte, der Strukturen und der Organisationen einbezogen und
genutzt werden.
Im März 1998 hat der Deutsche Gewerkschaftsbund unter Beteiligung
der im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien im "Wasserwerk" in Bonn eine
Fachtagung durchgeführt. Herauszustellen ist, daß erstmalig in diesem Kontext eine
"Anhörung" zum Thema Weiterbildung stattgefunden hat.
Bezüglich Alphabetisierung/Grundbildung gibt es unterschiedliche
bzw. gegensätzliche Positionen. Während Doris Odendahl, MdB, Vorsitzende des Ausschusses
für Bildung und Forschung, das Recht auf (Weiter-)Bildung forderte und in dem
Zusammenhang darauf einging, daß Alphabetisierung nicht freien Bildungsangeboten
überlassen werden könne, sondern daß die öffentlich verantwortete Weiterbildung
gefordert sei, meinte ein Vertreter der Wirtschaft "Wenn sich überhaupt Analphabeten
in Betrieben finden lassen, werden sie wohl kaum an Weiterbildungsangeboten
teilnehmen".
Es wurde der Aufruf "Allianz des Aufbruchs Plattform
Weiterbildung" verabschiedet.
Information: DGB Bundesvorstand, Abteilung Bildung, Herr Nordhaus,
Hans Böckler Str. 39, 40476 Düsseldorf
SOKRATES-Projekt im
Bereich Grundqualifikationen am DIE
Das DIE hat im Rahmen des SOKRATES-Programms der Europäischen
Kommission einen Antrag im Bereich Erwachsenenbildung gestellt. Das Thema lautet:
"Entwickeln eines Trainingsmoduls zur Qualifizierung des Ausbildungspersonals von
Personen mit geringer Grundbildung". Für eine erhebliche Anzahl von BürgerInnen der
europäischen Gemeinschaft, die nur über geringe Grundqualifikationen verfügen, besteht
die Gefahr, daß sie dauerhaft aus dem Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden, weil sie den
wachsenden beruflichen Ansprüchen und den Anforderungen an ständige berufliche
Weiterbildung nicht gewachsen sind. ArbeitnehmerInnen mit geringem Bildungsstand haben
Probleme mit dem technologischen Wandel, sind in ihrer beruflichen Flexibilität und
Mobilität eingeschränkt und können auch in zunehmend international agierenden Betrieben
ihre Rechte als ArbeitnehmerInnen nicht genügend wahrnehmen. Darüber hinaus sind sie
auch kaum in der Lage, ihren Qualifizierungsbedarf selbst einzuschätzen und zu äußern.
Eine Schlüsselposition in der potentiellen Förderung dieser Personengruppe haben
diejenigen Personen, die in der betrieblichen und beruflichen Aus- und Fortbildung bzw.
Umschulung Verantwortung tragen. Sie sind diejenigen, die zuerst die Defizite in der
Alphabetisierung und Grundbildung als Lernprobleme im Kontakt wahrnehmen. Um die
Lernbarrieren und -probleme allerdings der unzulänglichen Grundbildung zuordnen zu
können und wirksame Strategien in der beruflichen Fortbildung/Umschulung entwickeln zu
können, müssen die AusbilderInnen selber qualifiziert werden. Es ist also notwendig,
Erfahrungen, Erkenntnisse und Arbeitsformen aus dem Bereich der Alphabetisierungsarbeit,
die bisher traditionell der allgemeinen Erwachsenenbildung zugeordnet war, für diese
Gruppe zugänglich zu machen. Es soll ein Trainingsmodul für lehrendes und ausbildendes
Personal entwickelt werden, mit dem für Phänomene der unzureichenden Grundbildung und
daraus resultierender allgemeiner Lernschwierigkeiten sensibilisiert wird. Weiterhin geht
es um das Erkennen von Symptomen und um Einführung in Elemente der Lernberatung.
In Kooperation mit Institutionen aus Deutschland, Großbritannien
und Italien wird ein Trainingsmodul für lehrendes und ausbildendes Personal in der
beruflichen Fortbildung und Umschulung entwickelt und auf einer internationalen Konferenz
den entsprechenden MultiplikatorInnen vorgestellt. Erfahrungen mit diesem Trainingsmodul
und das Trainingsmodul selber werden in einer Dokumentation beschrieben, die in die
jeweiligen Sprachen übersetzt wird. Die Dissemination der Publikation erfolgt durch die
jeweiligen beteiligten Organisationen. Kooperationspartner sind Einrichtungen in Italien
und Großbritannien:
Unione Nazionale per la Lotta contro L'Analfabetismo (UNLA)
Centre for Employment Initiatives (CEI). Consultancy, research and
participation.
Von besonderer Bedeutung ist die Arbeit im und für den
beschäftigungspolitischen Bereich (Datenerhebung, Entwicklung und Durchführung von
beruflichen Fortbildungsmaßnahmen sowie beschäftigungspolitischen Programmen).
Inhaltliche Nachfragen: DIE-Projekt NET
Bei dieser Darstellung handelt es sich um ein Mind-map, das während
eines NET-Seminars entstanden ist. Die SeminarteilnehmerInnen hatten die Aufgabe, ihr
"persönliches Verständnis von Grundqualifikationen" mit Hilfe der kreativen
Methode des Mind-mapping zu ermitteln und dann eine Überschrift zu finden.
Hinweis: Diese Übersicht spiegelt in einer Momentaufnahme eine
Haltung, eine Einstellung wider; bei dieser Übung geht es nicht darum, eine vollständige
oder absolute Definition vorzunehmen.
Eskimo in Namibia ist eine Herangehensweise und Betrachtungsweise an
Analphabetismus aus der Sicht eines Interessierten an Typografie und Grafik-Design. Die
Frage, wie man Schrift und deren verschiedene Gestaltung betrachtet, wenn man sie nicht
lesen kann, aber ansonsten mit ihren Konventionen innerhalb der Gesellschaft vertraut ist,
hat mich dazu gebracht, die beiden weit voneinander entfernten Themen Analphabetismus und
Typografie zusammenzubringen. Innerhalb dieses Projektes entstand ein Workshop Typografie
innerhalb eines regulären Alphabetisierungskurses an der VHS Frankfurt. In diesem
bearbeiteten die Teilnehmer klassische Aufgaben des Grafik-Designs wie Logoentwicklung und
Visualisierung von Begriffen. Den TeilnehmerInnen wurden u.a. speziell hierfür
hergestellte Schriftelement-Schablonen zur Verfügung gestellt.
Zusätzlich entstanden ein Kriminalroman und ein
"Bilder-Buch", welches Besonderheiten funktionaler Analphabeten aufnimmt und
versucht, dies Nicht-Analphabeten zu vermitteln. Ach ja, der Name: Man erlebt Hitze
bestimmt anders, wenn man im Polarkreis aufgewachsen ist und nicht in Namibia. Dies war
meine Überlegung bei diesem Projekt.
In der 1993 verabschiedeten Europäischen Sozialcharta sowie im
Europäischen Weißbuch von 1994 ist die Entwicklung und Erweiterung von
(Weiter-)Bildungsmöglichkeiten für bislang bildungsbenachteiligte Gruppen ein zentraler
Aspekt.
Das SOKRATES-Projekt "Assessment of Prior Experimential
Learning (APEL)" fußt auf dieser Grundidee. Parallel in bislang fünf europäischen
Ländern werden die Möglichkeiten der Teilnahme bildungsbenachteiligter Gruppen an
Bildungsmaßnahmen, die eine Rückkehr bzw. einen Aufstieg im Berufsleben ermöglichen,
untersucht. Das Projekt APEL wird in Belgien, Großbritannien, Spanien, Schweden und
Deutschland durchgeführt. Ziel ist, eine Bestandsaufnahme der Eingangsvoraussetzungen
für bildungsbenachteiligte Gruppen im europäischen Raum zu ermöglichen und eine
Weiterentwicklung von Möglichkeiten an Bildungsangeboten für diese Gruppen zu schaffen.
Von zentraler Bedeutung ist die Öffnung von formalisierten Bildungssystemen für
Bildungsbenachteiligte durch die Berücksichtigung und Akkreditierung von nicht-formaler
Bildung. Die APEL-Diskussion in der Bundesrepublik befindet sich gegenüber anderen
europäischen Ländern noch am Anfang. Die gesammelten Daten werden in einer Datenbank
gebündelt. Letztere bietet für Weiterbildungsinstitutionen sowie wissenschaftliche
Einrichtungen eine breite Palette von Informationen über Zugänge zu
bildungsbenachteiligten Gruppen sowie Konzepte zur Verbreitung und deren
Weiterentwicklung. Der Vertrieb wird sich in Form von Datenträgern, einer Internet Page
sowie einem Handbuch vollziehen.
1997 hat sich die "Schreibwerkstatt für neue Leser und
Schreiber" mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Alphabetisierung zum Bundesverband
Alphabetisierung zusammengeschlossen. Der Verband gibt Materialien, Fachliteratur und das
ALFA FORUM, Fachzeitschrift für Alphabetisierung und Grundbildung, heraus. Des weiteren
bietet er das ALFA-TELEFON an, einen Service für Menschen mit Lese- und Schreibproblemen
(Tel. 0251/53 33 44, mittwochs von 16-22 Uhr).
Fachkonferenz Alphabetisierung 1998
des Landesverbandes der Volkshochschulen NRW und des Fachkreises Alphabetisierung NRW am
23.09.1998 in Düsseldorf.
Information: Rainer Hartmann, VHS Düsseldorf, Bertha-von-Suttner-Platz 1, 40227
Düsseldorf, Tel.: 0211/89-94996, Fax: 0211/89-29042 und Doris Talpay, LV der
Volkshochschulen NRW, Heiliger Weg 7-9, 44135 Dortmund, Tel.:0231/95 20 58-16, Fax:
0231/95 20 58-3
Von der Alphabetisierung zur Leseförderung.
Lesen in Schule, Weiterbildung und Gesellschaft. Fachtagung vom 7. bis 9.10.1998 in Bad
Boll.
Information: Evangelische Akademie Bad Boll, Akademieweg 11, 73087 Bad Boll; Tel.:
07164/79-310 Werner Stark und Tel.: 07164/79-312 Brigitte Alt.
Kommunikationsverlust im Informationszeitalter.
Internationale Tagung im Rahmen des Österreichischen EU-Vorsitzes vom 26.bis 28. November
1998, Wien.
Information: Lieselotte Martin, Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien,
Berggasse 11, A-1090 Wien; Tel.: ++43-1-310 38 86/39, Fax:++43-1-315 53 47, e-mail: lilo@ling.univie.ac.at
Hinweis:
Der nächste NET-Informationsdienst erscheint
voraussichtlich im Dezember 1998.